Restaurant Esszimmer 2 Zimmer, Küche, Bar

Das Essen

Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht,
Wenn er nichts denkt und nur die Kiefer mahlen,
Die Zähne malmen und die Blicke strahlen
Von einem sonderbaren Urweltlicht.

Vorspeisen sind wie Segel über Buchten
Schlank und zum Hafen schellend in erregter Fahrt
Indes die schweren Fleischgerichte wuchten
Gewaltig über Wiesen von Gemüsen zart-

Welch ein entzücktes Spiel: zu hohen Festen
Erlesener Bissen Liebreiz zu erflehn,
und welche Lust: sich mächtig vollzumästen,
Satt und mit Saft gefüllt vom Hals bis zu den Zeh' n-

Fischfleisch ist weiß und heilig und rosen,
und manchmal rauchgebeizt und lauchgewürzt.
Auch kleine Fische gibt' s in blanken Dosen,
die man wie Schnäpse jach hinunterstürzt-

Wildbret: Du Perle Cumberlands, von edler Fäule,
und nackter Horden rohgebratener Fraß!
Wohl dem, der Schneehuhn oder Rentierkeule
(Gespickt, mit Sahne) hoch im Norden aß.

Beafsteak tatar ist fast so stark an Gnade
Wie ein am Griff gebratenes Lendenstück
und viele Götter leben im Salate
saftrot und samenkerngeschwellt das Weib Tomate,
und grünes Kraut im Frühling ist ein kühles Glück

Wenn du Kartoffeln oder Spargel ißt,
schmeckst du den Sand der Felder und den Wurzelsegen,
des Himmels Hitze und den großen Regen,
die kühlen Wässer und den warmen Mist.

Laßt mich hier schweigen vom Besoffensein,
vom tiefsten, tödlichsten Hinübergleiten,
vom hellsten, wachsten Indiewindereiten,
die Welt ist groß und unser Wort ist klein-

Laßt mich hier schweigen von dem Blutgericht
Geheimster Liebe in verrauschten Zeiten -
Laßr mich nur essen, dankbar und bescheiden -
Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht.

Carl Zuckmayer